Peregrin - the Traverse

Ein relativ neues Projekt, ähnelt auch sehr dem früheren STALKER-Konzept, nur weniger prosaisch. Es skaliert viele Aspekte des früheren Projekts auf eine globale Ebene - auch wenn der erzählende Aspekt recht lokal bleibt. Nein, die beschriebenen Zustände und Ereignisse finden überall auf dem Globus statt, alle stehen vor dem gleichen Dilemma.

Langer Rede Sinn: es ist ein endzeitliches Szenario. Vor ungefähr zwei bis drei Jahrzehnten ereignete sich eine kataklystische Katastrophe, welche den gesamten Planeten ins Chaos stürzte. Die Katastrophe selbst bleibt auch für die Überlebenden ein Rätsel (nicht für mich, ich habe einen genauen Plan ;) ) und wird meist kryptisch als 'Die Katastrophe' oder etwas zutreffender 'die Tage des Feuers' bezeichnet. Es gibt eine Reihe von geologischen 'Narben', die sich über Land und die Gründe der Ozeane ziehen. Einige Bereiche der Welt sind heute nicht mehr erreichbar - aus mehreren Gründen.

Diese Katastrophe allein hat die Weltbevölkerung schon arg dezimiert, die Nachwehen und das Unvermögen der Menschen, sich der neuen Situation schnell genug anzupassen tat ein übriges. Sogar ein begrenzter, nuklearer Schlagabtausch fand in den Wirren der ersten Zeit nach der Katastrophe statt und fügte den eigentlichen Folgen noch radioaktive Verseuchung hinzu.

Diese 'eigentlichen' Folgen sind es, welche die Welt fortan im Besonderen prägen sollten. Seit diesen Tagen veränderte sich der Regen. Als erstes traf es die Flugzeuge. Erreichte ein Flugzeug die unterste Wolkenschicht, brach es kurze Zeit später auseinander und ging in bunte Flammen auf. Regen wirkte sich auf einmal auf einige Dinge unglaublich destruktiv aus - insbesondere auf jede Form veredelten Metalls. Egal, ob Kupfer, Eisen, Stahl oder Aluminium - selbst Gold oder Edelstahl, begann im Regen augenblicklich vehement zu oxidieren bis zu einem Punkt, da das Metall schlicht in Flammen aufgeht und verglüht. Traf der Regen ungeschützte Haut, erlitt man schmerzhafte Verletzungen, die einer Verbrennung ähneln. Tatsächlich platzen aus ungeklärter Ursache sämtliche lebende Zellen, die dem Regen diredkt ausgesetzt sind. Die obersten, toten Hautschichten bleiben davon fast vollständig unberührt, ebenso Haare oder Nägel. Natürlich traf dies auch Flora und Fauna. Man weiß heute recht genau Bescheid darüber, wie der Regen wirkt, jedoch nicht warum. Das Wasser des Regens (und nur dieses!) unterbricht die flexiblen Bindungen von Molekülen aller nicht-kristallinen Verbindungen, vor allem der Metalle. Und er bewirkt bei Wasser eine kurzzeitige Vergrößerung des Volumens. Viele Pflanzen erwiesen sich dagegen als widerstandsfähig, ihre Zellwände und Strukturen konnten dem erhöhten Volumen und Druck standhalten, andere gingen daran zugrunde. Erstaunlicherweise verliert das Regenwasser fast augenblicklich jede besondere Eigenschaft, sobald es ein festes Objekt berührt.

Ein weiterer Verlust sind viele Mikroorganismen, welche von diesem Regen praktisch ausgerottet wurden. Heute dauert es mehr als zehnmal solange, bis ein toter Körper wirklich verwest. Weichteile und Organe verflüssigen sich an der Oberfläche schnell, jedoch bleiben Haut, Knochen, Haare und Nägel lange Zeit erhalten und auch das verfflüssigte Gewebe löst sich nur langsam auf. Es verbleibt lange als eine bräunlich-schwärzliche, ölige Substanz - manche nennen es Goo. Dieses Zeug ähnelt zwar Ölteer sehr, ist aber vollkommen nutzlos. Es besteht aus völlig energiearmen Substanzen, die allenfalls als Rohstofflieferant und Dünger Verwendung finden.

So leben die übrigen Menschen zurückgezogen vom Angesicht der Welt in unterirdischen Bunkern oder ducken sich unter großen, stetig zerfallenden Dächern. Alles funktioniert wie gewohnt, solange man es von der Oberfläche fernhält. Kommt es aber in Kontakt mit Regen, ist es im Handumdrehen ruiniert.

Wie gesagt, die Menschen leben heute isoliert, zurückgezogen und konzentriert auf Siedlungen, die sich auf welche Weise auch immer vor Regen abschirmen. Die Aufgabe, die Bevölkerung weiterhin mit Nahrung und Trinkwasser zu versorgen, ist ein stetiger Kampf gegen den rasenden Verfall. Auch die Gewinnung von Energie ist schwierig, denn längst sind alle Vorräte fossiler Brennstoffe erschöpft und Bio-Treibstoff ist keine Option, da man es sich nicht mehr leisten kann, wertvolle Nahrungsmittel zu verbrennen. In der Hauptsache ist man auf Wasser- und Solarkraft angewiesen.

Autos und Lastkraftwagen gibt es kaum, da man sie nicht verwenden kann, außerhalb einer Siedlung zu fahren und innerhalb macht es keinen Sinn, sich neben der drangvollen Enge und anderen Problemen auch noch giftigen Verbrennungsgasen auszusetzen. An manchen Orten werden Pferde eingesetzt. Tierhaltung ist jedoch vergleichsweise aufwändig, sodass man andernorts lieber auf "verläßlichere" Maschinen setzt.

Das schlimmste, unangenehmste, was einem Menschen heute passieren kann ist: dazu gezwungen zu sein, außerhalb der schützenden Dächer oder Tunnel der Siedlung leben und arbeiten zu müssen. Aber irgend jemand muß schließlich die Felder abernten, außerhalb gelegene Anlagen warten oder kontrollieren oder die Löcher der Dächer flicken. Doch all diese verbringen nur einen vergleichsweise geringen Teil ihrer Zeit im Freien und können meist jederzeit zurück in den Schutz der Siedlung fliehen. Anders sieht es aus für diejenigen, deren Aufgaben sie weitab der Siedlungen führen, auf die riskanten Wanderungen zwischen Siedlungen oder entfernten Niederlassungen. Es sind Kuriere, Scavenger, Porter oder Kundschafter. Sie halten das wenige an Kontakt aufrecht, den die Menschen noch jenseits ihrer eigenen Behausungen haben.

Es sind die Peregrins, Wanderer auf ihrem langen Weg, der Traverse.

Jetzt stellt euch eine karge, von Moos und Flechten, zähem Strauchwerk und vereinzelten Gruppen verkrüppelter Bäume dominierte Landschaft vor, der sich sehr wenig bewegt. Man hört kaum Vögel, es sind fast nie größere Tiere unterwegs. Beständig steigt kalten Dampf auf und behindert die Sicht. Der Himmel fast immer wolkenverhangen und es ist diesig. Weit und breit kein Mensch. Hier und dort sieht man Knochengerippe, von ledriger, rissiger und gegerbter Haut überzogen und von braunschwarzen Teerpfützen umgeben. Manchmal sieht man zerfallene Überreste von Betonbauwerken oder die zur Unkenntlichkeit verrosteten und verformten Gerippe ehemaligen Metalls. Es ist kalt, denn Wärme bedeutet Regen und Regen bringt den Tod. Ihr tragt einen komplett wasserdichten Anzug aus Kunststoffolie, eine Kapuze und müßt jeden freien Zentimeter Haut mit Plastikfolie bedecken. Über Gesicht und Mund tragt ihr ein dichtes Tuch oder einen Schal, vielleicht sogar eine Atemmaske. Auf dem Rücken schleppt ihr einen Rucksack mit den Notwendigen Vorräten: Trinkwasser, etwas Nahrung, Energiepillen, ein paar Werkzeuge und eine große Zeltplane mit Leinen, Haken und vielen, vielen Eisenkeilen. An einer starken Leine aus Kunstfaser schleift ihr einen schwer beladenen Plastikschlitten über das unwegsame Gelände hinter euch her und ihr lauft ein Rennen gegen die Zeit. Denn mit dem Abend kommen meist die Regenfälle und in der Nacht streifen die letzten überlebenden Fleischfresser hungrig umher.
Das alles nur, weil ihr vor Monaten im Suff und Streit einen Vorarbeiter angegangen seit und man euch zur Strafe für den Außeneinsatz eingeteilt hat.

Tagebuch eines Peregrin